Vom Holz zum Stein

Herbert Meusburger absolvierte eine Lehre als Holzbildhauer. Das Ausbildungsprogramm umfasste dekorative Aufgaben wie Verzierungen von Möbeln und anderen  Gegenständen, Schnitzen von Tier- und Menschenfiguren bis hin zur Ausstattung profaner und religiöser Bauten. Obwohl er den handwerklich fundierten Beruf des Holzbildhauers schätzte, zog es ihn bald zur freien Kunst. Er bewarb sich in Wien um einen Studienplatz, wo man ihm bedeutete, dass es für ihn nicht sinnvoll sei, einen ganzen Lehrgang zu absolvieren, da er ja schon viel könne. Stattdessen wurde er von Prof. Otto Lorenz und Prof. Josip Kaiser in die Steinbildhauerei eingeführt. Diese Entscheidung war mutig, denn er hatte bereits für eine Familie zu sorgen. Sie war aber im Hinblick auf das Ziel folgerichtig, denn eine Karriere als Künstler erfordert den vollen Einsatz, denn weniger als das hundertprozentige Engagement führt selten weiter. Das Berufsrisiko ist hoch: Absturz und Erfolg liegen nahe beieinander.

Eine wichtige Entscheidung bedeutete der Materialwechsel vom Holz zum Stein. Für einen Voralberger aus dem Bregenzer Wald ist das ein äußerst radikaler Schritt, ja ein Sakrileg, ist doch die Wald- und Holzwirtschaft in dieser Gegend von großer wirtschaftlicher Bedeutung. Es ist ein Gewerbe mit einer langen Tradition, die besonders die Baukultur prägte und die in den letzten Jahrzehnten aufblühte und eine erstaunliche Renaissance erlebte. Aufbauend auf der handwerklichen Tradition entstanden gut gestaltete moderne Möbel und Bauten. 

Mit der Abwendung vom Holz und der Hinwendung zum Stein schuf Herbert Meusburger eine Differenz oder vielleicht besser eine Distanz, die dem in dieser Region verwurzelten Künstler die Möglichkeit bot, sich weniger belastet von der Tradition freier zu entfalten. Andererseits ist es ja nicht so, dass Stein hier ein exotisches Material wäre. In den höheren Gefilden, in den Bergen prägt der Stein die Landschaft. Von seinem ganz in Holz gebauten Atelier aus sieht er nicht nur auf das Dorf Bizau und die dahinterliegenden Wälder, sondern auch auf die gewaltige Felswand der Kanisfluh. Letztere lässt ahnen, welche Kräfte im Stein gebunden sind. Nur so kann man sich erklären, mit welcher Radikalität und Permanenz Meusburger am Material Stein festhält. Stein ist für ihn kein totes Material. Er nutzt die mit dem Stein verbundenen Assoziationen, lässt ihn gleichsam sprechen. Die verschiedenen Facetten hebt er durch die differenzierte Bearbeitung der Oberflächen hervor. Gespaltet, gesägt, gehauen, geschliffen oder poliert zeigt der Stein seine innere Struktur, seine Härte und Farbigkeit, seinen Charakter. Steine haben auch oft eine Geschichte oder zumindest eine Herkunft. Diese nutzt Meusburger, indem er seine Skulpturen damit symbolisch auflädt. So verwendet er für die schwalbenschwanzförmigen Verbindungsteile der Stele für die  Erinnerungsstätte des SOS-Kinderdorf-Gründers Hermann Gmeiner verschiedenfarbige Steine aus fünf Kontinenten. 

Für das Projekt einer Großskulptur für das Europa-Parlament sieht Meusburger vor, jedes EU-Land mit einem für das betreffende Land typischen Stein zu repräsentieren – eine symbolische Geste aus Stein. 

Konstruktion und Tradition / Verbinden und trennen 

Das konstruktive und symbolische Verbinden ist eines von Meusburgers Hauptthemen, das in irgendeiner Form in fast allen Skulpturen vorkommt. Für die konstruktive Seite der Verbindungen setzt er auf die Prinzipien des Holzbaus (Blockbau), also auf eine in der Region kultivierte handwerkliche Tradition. Der Einsatz der Konstruktionsprinzipien des Holzbaus in der Skulptur ist un- gewöhnlich und trägt zur unverwechselbaren Handschrift Meusburgers bei. Es scheint, dass er die Abwendung vom Holz als Material mit der Übernahme seiner Konstruktionsprinzipien kompensiert.  

Viele seiner Skulpturen sind mehrteilig, so dass den Verbindungen der einzelnen Teile eine wichtige konstruktive Funktion zukommt. Die Konstruktionen werden betont, es soll nicht der Eindruck entstehen, als ob die Skulptur aus einem „Guss" sei. Im Gegenteil: Die Teile sollen als eigenständige, man könnte auch sagen, individuelle Elemente erhalten bleiben, die gut sichtbar sind und ja nicht als organisches Ganzes, auch auf Distanz nicht, wirken sollen. Die Konstruktionen sind nicht nur pragmatisch bedingt, sondern werden auch als Zeichen verwendet und verweisen als solche auf die Ratio des menschlichen Geistes. Deshalb sind sie ästhetisch hervorgehoben, indem beispielsweise die Stirnseite einer Verzahnung poliert wird, was eine ganz andere Oberflächenstruktur und eine andere Farbe ergibt, so dass die Konstruktionsmethode unübersehbar ist. Dieses Prinzip ist häufig kombiniert mit der Unterscheidung von stützenden und lastenden Elementen. 

Dem Rationalen und Konstruktiven kommt also eine wichtige Funktion zu und es ist keineswegs nur so, dass hier aus der Not eine Tugend gemacht würde. 

Besonders eindrücklich ist dies bei der Granitskulptur aus 17 Teilen, die er im Rahmen der Ausstellung des Architekturbüros Baumschlager-Eberle in der Pinakothek der Moderne in München realisierte. Die tragenden Elemente sind grob gefräst und zwar horizontal, so dass der Eindruck von Schicht-Lamellen entsteht. Die lastenden Elemente sind fein poliert und daher von anderer Farbe, nämlich schwarz. Mit der differenzierten Bearbeitung der Oberflächen lassen sich aber nicht nur die verschiedenen Funktionen und Konstruktionen sichtbar unterscheiden, sondern es wird auch der Tastsinn herausgefordert, das heißt, die Skulpturen sollen nicht nur mit dem Sehsinn erfasst werden, sondern auch mit den Händen im wahrsten Sinne des Wortes begriffen, auf den Begriff gebracht werden.  

Die Granitskulptur aus 17 Teilen ist zudem ein gutes Beispiel für Meusburgers modulare Arbeiten. Darunter sind Skulpturen zu verstehen, in denen sich gewisse Einheiten, hier sind es ein stützendes und lastendes Element, wiederholen. Modulare Skulpturen sind zudem variabel, sie können auf nicht gerade beliebige, aber auf sehr verschiedene Weise komponiert werden. Die Münchner Granit-skulptur hat Meusburger andernorts völlig anders aufgestellt, und das Resultat war trotz gleicher Elemente eine gänzlich neue Skulptur. Wie ist das möglich? Eine Skulptur besteht eben nicht nur aus Material, dem Stein oder den Steinen. Sie ist wesentlich ein dreidimensionales Gebilde, das nicht nur Raum einnimmt – als physischer Körper, sondern auch Raum einschließt und Raum definiert. Es gilt auch umgekehrt, dass der umschließende Raum die Skulptur bestimmt, er gehört unabdingbar zum Werk. Es besteht ein Verhältnis zwischen Skulptur und Raum, ein Verhältnis, das sich in einem Punkt verdichten kann oder fast nur aus Raum besteht. Solche Extreme kommen bei Meusburger kaum vor. Trotzdem ist die Spannweite seiner Arbeiten groß. Sie reicht von der in sich ruhenden Stele zur Raum definierenden Granitskulptur aus 680 Teilen (Projekt). Die Granitskulptur aus 17 Teilen ist ein gutes Beispiel dafür, wie verschieden, je nach Raumsituation und Aufstellung, die Skulptur funktioniert. In München, einem verhältnismäßig großen Raum, strukturiert sie den Raum in der Diagonale, gibt die Lese- und Bewegungsrichtung vor, während sie den Raum ein- und ausschließt, gleichsam einen neuen Raum definiert.    

Serielle Arbeiten 

Meusburgers Arbeiten bestehen oft nicht nur aus einigen Teilen, sondern aus einer Vielzahl gleichförmiger Elemete. Thema ist die Repetition und Serie. Wir sprechen von seriellen Arbeiten. Die formale Wiederholung einzelner Teile ist ein bewusster Gestaltungsakt, der in der Erfahrung gründet, dass die Wiederholung einer Form die Wahrnehmungsintensität des Betrachters merklich erhöhen kann, sich beim Betrachter einprägt und festsetzt. Dies ist keine neue Erkenntnis Meusburgers, sondern wurde von vielen Künstlerinnen und Künstlern praktiziert. Aber nicht dies ist das Entscheidende. Viel bedeutsamer ist, dass eine größere Zahl von Wiederholungen zu einem qualitativen Umschlag führt. Paul Klee hat das in seinem Unterricht gelehrt. Er zeigte seinen Schülern, dass man einen Wald nicht darstellen kann, indem man mehrere detaillierte Bäume malt, sondern dass man ein einfaches Formelement entwickeln muss, ein Zeichen, das durch systematische Repetition nicht mehr als Baum erscheint, sondern als Wald gelesen werden kann. Etwas Ähnliches geschieht mit den Skulpturen von Meusburger. Die Repetition gleicher Grundelemente ändert die Wahrnehmung und verschiebt die Bedeutung. 

Dies sind Prinzipien und Mechanismen, wie sie in den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts in den USA vom Minimalismus systematisch entwickelt wurden. Die Bewegung richtete sich vor allem gegen den abstrakten Expressionismus, der die Kunstszene beherrschte. Die Minimalisten reduzierten die Formen auf einfache, meist geo- metrische Grundstrukturen, die sich häufig wiederholten. 

Zu nennen sind Donald Judd, Sol LeWitt und Walter de Maria. Sie bevorzugten vorgefertigte, häufig aus einfachen Materialien bestehende Grundelemente, die sie in additiver Weise zusammenfügten. Nicht selten entstanden große Objekte, die aus mehreren hundert Grundstrukturen bestanden. Die Land Art arbeitete teilweise nach gleichen Prinzipien, wenn auch meist in noch größeren Dimensionen. Europäische Künstler und Künstlerinnen verfolgen teilweise ähnliche Ziele, die aber meist ihre Wurzeln im Konstruktivismus oder in der Konkreten Kunst haben. Zu nennen wären im Hinblick auf die Arbeiten von Meusburger Max Bill und Ulrich Rückriem. Was können diese Hinweise zum Verständnis von Meusburgers Arbeiten beitragen? Sie stellen klar, dass es keine Kunst ohne Väter oder Mütter gibt, dass nichts im luftleeren Raum entsteht. Mit anderen Worten, sie bilden den kunsthistorischen Kontext, von dem Meusburger bei seinen seriellen Arbeiten ausgeht. 

Eine frühe serielle Arbeit ist die 96-teilige Gemeinschaftsarbeit mit Gabriele Berger aus Mühlviertler Granit. Grundelement ist ein Kubus, der durchbohrt ist, und dessen Bohrkern als Zapfen verwendet wird. Im Offenen Kulturhaus in Linz wurde die Arbeit in zwei U-Formen flach auf dem Boden ausgelegt, während sie am endgültigen Standort in Wien Essling als dreischichtiger Block aufgebaut ist.

Eine sehr radikale minimalistische Arbeit ist die Grasjalousie aus Granit von 1997, die nur aus 12 lamellenartigen Granitstäben besteht, die ihrerseits auf zwei Trägern aufliegen. Die Skulptur kann, insbesondere in Bezug zum Titel und der daraus abgeleiteten Funktion, auch als Parodie gelesen werden. Im Sinne von „Kunst kann / darf alles.” 

Noch im Projektstadium befindet sich die Großskulptur Steinterminal. In den Projektunterlagen schreibt Meusburger: „Mein Projekt für das Freigelände vor dem Flughafen sieht einen ,Steinterminal‘ vor, das aus 200 lamellenartig aneinandergereihten Toren besteht, die oben und unten durch diese spezielle Blockbauweise miteinander verbunden sind ... Insgesamt besteht die Gesteinsformation aus 680 einzelnen Granitteilen und 2000 Verbindungen. Während die Oberflächen der Stützen und Träger grob und lamellenartig behauen sind, sind die Verbindungsteile glatt poliert. Die einzelnen Tore sind 2,5 Meter hoch und 1,6 Meter breit. Insgesamt erreicht die skulpturale Anlage eine Gesamtlänge von 40 Metern." Das Projekt wirkt trotz seiner Größe elegant, leicht und transparent. Man fühlt sich hingezogen, möchte diesen lichtdurchfluteten Terminal durchschreiten. Die Archaik des Steins erdet, gibt dem Ganzen Halt und steht für das Einfache und Dauerhafte. 

Durch die Wiederholung gleicher oder gleichförmiger Elemente tendieren die Strukturen ins Ornamentale. Und in der Tat sind ornamentale Aspekte in Meusburgers Arbeiten sichtbar. Er schert sich nicht um Loos' Diktum vom Ornament als Verbrechen. Für ihn sind ornamentale Strukturen etwas durchaus Natürliches, etwas, das in der Natur sehr häufig vorkommt. So weisen viele Steine eine ornamentale Binnenstrukturierung auf, sie wird durch den Feinschliff bei Meusburger hervorgehoben. Aber auch die Verbindungskonstruktionen ergeben in ihrer regelmäßigen Wiederholung ein Ornament. Allerdings sind es sehr einfache, gleichsam auf den geometrischen Kern reduzierte Ornamente, vielleicht würde man besser von dekorativen Strukturen sprechen. Damit unterläuft Meusburger ein Dogma der Moderne, nämlich die Ornamentlosigkeit, mit ihren eigenen Mitteln. Das Ornamentale verleiht den Skulpturen etwas Leichtes und Beschwingtes. Dieser Umschwung vom geometrischen Grundelement ins Ornamentale kann bei vielen Werken des Minimalismus beobachtet werden. Es macht die konzeptionellen Werke sinnlich zugänglich, was eine gewisse Popularität bewirkt. 

Es sind drei Faktoren, die für die Skulpturen Meusburgers bestimmend sind. Erstens verwendet er ausschließlich Stein als Material, dessen Oberfläche durch differenzierte Bearbeitung belebt wird. Der Stein repräsentiert das Archaische, Feste, das Unverrückbare. Zweitens verwendet er für die Verbindung der einzelnen Skulpturenteile Konstruktionsweisen des Holzbaus. Die Verbindungen werden betont, das Getrennte verbunden. Drittens entstehen durch die mehrfache Wiederholung einfacher Grundstrukturen intensive Werke, deren modularer oder serieller Charakter den Betrachter anregt, das Werk über seine materielle Beschränkung hinaus weiter zu denken, ein ähnlicher Effekt wie das all over in der Malerei.  

Mit diesem Instrumentarium gelingen Meusburger eigenständige Skulpturen von großer Präsenz, Tiefe und formaler Geschlossenheit, eine eigene Kunstrichtung, die ich als archaischen Minimalismus bezeichne.

Karl Jost
Kunsthistoriker   Zürich