Der Bildhauer Herbert Meusburger hat sich völlig dem Stein verschrieben, genauer dem Urgestein Granit, dem "Stein der Ewigkeit". Für dieses einzigartige Material, das dem Steinmetz so viel Widerstand entgegensetzt, entwickelte er seine künstlerischen Visionen. Herbert Meusburger lebt in der voralpinen Landschaft des Bregenzerwaldes, und er ist zur Hälfte Teilhaber an einem Granitsteinbruch im Mühlviertel, Oberösterreich, an der Grenze zu Tschechien. Steinbrüche sind von den Menschen geschaffene Wunden in der Gebirgslandschaft. Sie geben Einblicke ins Innere der Berge und offenbaren die Strukturen des Erdmantels. Mit ihren freigelegten Schichten dokumentieren sie die Spuren der Zeit und signalisieren potenzielle Veränderungen. Ein Steinbruch impliziert Metamorphosen bis hin zu Erdbeben. Und er fasziniert: Die Schönheit seiner Felswände, aber auch die Ästhetik ihrer Zerstörung. Mit bohren, sprengen, zersägen und dem Einsatz von Maschinen, mit grossem Kraftaufwand, werden Steinblöcke aus dem Berg herausgelöst – sorgfältig, damit ihre innere Struktur unbeschädigt bleibt.

Herbert Meusburgers Arbeiten der letzten Jahre wurden beeinflusst durch Beobachtungen und Vorgänge beim eigenhändigen Arbeiten in seinem Steinbruch. Dabei hat der Künstler seinen Sinn geschärft für die persönliche Wesensart der inneren Bindung des Granits. Die latenten Spannungen im Berg, die Dynamik des Abbaus, der Prozess des Spaltens mit dem Keil und das intime Kennenlernen des Gesteins, das durch die Geschichte seiner Entstehung spezielle innere Strukturen aufweist, geben Herbert Meusburger entscheidende Impulse zu künstlerischen Ideen. In der Natur mit sich allein sind jene Bilder aufgetaucht, die er dann mit den in sein Atelier transportierten Granitblöcken realisiert. Das sinnliche und geistige Erlebnis des Steins ist ein Teil der plastischen Idee. Herbert Meusburger ist mit der Erde verhaftet – Schwerelosigkeit ist seine Sache nicht. Die Sulpturen stehen fest auf dem Boden, Stützen und Lasten ist sein kompositorisches Prinzip. Trotzdem sind es, ausser den aus Platten gefügten Würfeln und Quadern, filigrane Kompositionen aus roh gebrochenen oder überarbeiteten langen Steinquadern. Der ursprüngliche Formcharakter des Steins gibt die Gestalt der Arbeit vor. So entstehen die Skulpturen zum einen Teil schon draussen im Steinbruch durch die Grösse und das Format der Blöcke. Die Idee wächst vor Ort mit der Auswahl des Steins. Herbert Meusburger befreit keine im Quader ruhenden Gestalten wie Michelangelo, indem er Material wegschlägt bis die geplante Figur herausgeschält ist. Seine Vorgehensweise heisst trennen und verbinden. Der ganze Block ergibt die Skulptur, indem er diesen mit Eisenkeilen aufspaltet und anschliessend zur vorgesehenen Komposition zusammenbaut, vielmehr zusammensteckt oder verzahnt. Dabei verwendet der Künstler die bei den Zimmermannsarbeiten seiner Heimat gebräuchlichen Verbindungen der Holzbalken. Durch die Orientierung am vorgegebenen Granitblock entstehen abstrakte Skulpturen, die keinerlei Hinweise auf gegenständliche Inhalte geben. Mit seiner strengen Formensprache und den ganz auf Andeutungen reduzierten Konstellationen stellt Herbert Meusburger bei dem von ihm gestalteten Kreuzweg auf dem Hochberg bei Perchtoldsdorf in der Nähe von Wien unter Beweis, dass gerade spirituelle Inhalte mit seiner Auffassung von Steinskulptur eindrücklich dargestellt werden können. Die 13. Station, "Das leere Grab", – ein Kubus aus ineinanderverzahnten Granitplatten – lässt sich als geschlossener Schrein lesen, der das Geheimnis des Todes birgt. Die 14. Station, "Die Auferstehung", zeigt die Kreuzform als nach oben offenen Ausschnitt des Himmels zwischen zwei hohen Granitstelen, aus denen die Andeutung kurzer Querbalken gehauen wurden. Einfacher und plausibler kann der Wandel von irdischer Erdenschwere zur geistigen, mit dem Himmel verbundenen Kraft gar nicht dargestellt werden.

 

In manchen Skulpturen von Herbert Meusburger steht dem Ursprünglichen die kulturelle Wirklichkeit gegenüber. Von diesem Gegensatz berichten jene Arbeiten, die zwischen natürlicher Gesteinskruste und dem Eingriff in Form einer geometrisch regelmässigen Struktur die Balance halten. Die Steinkruste, die völlig naturbelassen ist, bleibt mit den Bruchstellen und den Spuren der zur Spaltung notwendigen Bohrungen im fertigen Werk sichtbar. Sie ist wesentlicher Ausdrucksbestandteil der ganzen Komposition. Es ist dem Künstler wichtig, den Charakter des Steins zu unterstützen und nicht mit organischen Formen zu überspielen, die etwas Gegenständliches abbilden. Einzig der Stein als Teil der Natur kommt zur Selbstdarstellung. Die Formskala dieser Skulpturen reicht von der Stele als Monolith bis zum mehrteiligen Werk. Sie alle sind Sinnbilder von Natur und Kultur, von Wachstum und menschlichen Eingriffen.

 

Herbert Meusburger hat sich mit dem Granit eingelassen, er weiss, was es bedeutet zum Wesen der Materie vorzudringen. Über das kreative sich Erschaffen einer persönlichen Gestaltungsweise hinaus, heisst das für ihn, eine echte Zwiesprache mit dem Gehalt des Steins zu halten. Durch Vereinfachung die Intensität der Werke zu steigern und mit variantenreichen Oberflächen zwischen strukturiert, matt und poliert das haptische und optische Potential seines Mediums offenzulegen, ist sein erklärtes Ziel. Die Monumentalität seiner Skulpturen beruht auf der Dialektik zwischen der Unmittelbarkeit des Materialeindrucks und dem Elementaren der strengen Tektonik. Innerhalb der zeitgenössischen Kunst gehört Herbert Meusburger zu den wenigen, die dem Stein seine unsentimentale Kraft und Aura im gestalteten Werk bewahren, sie sogar durch den Schöpfungsakt veranschaulichen. Die Seele des Urgesteins Granit spricht aus seinen Skulpturen.