Trennen und Verbinden als zentrale Elemente von Kunst und Kultur
 
Auch wenn es mitunter simpel anmutet: Dinge auseinanderzuhalten und/oder zusammenzufügen stellt für den Menschen eine große Herausforderung dar und begründet in der Regel schöpferische Akte. Wegnehmen und Hinzufügen, Teilen und Verschmelzen, Trennen und Verbinden verkörpern elementare prozesshafte Vorgänge, die auch für die Umsetzung künstlerischer Strategien von fundamentaler Bedeutung sind. Durch solches Vorgehen entstehen aus künstlerischer Sicht Kontraste und Konflikte, aber auch Kompositionen, die im Gesamten wiederum ein Kunstwerk ergeben. Was der Künstler zusammenfügt oder auseinanderhält, was er kombiniert, hinzufügt oder weglässt, macht ein wesentliches Element der künstlerischen Aussage aus. In der Fähigkeit von Künstlern, dies auf unverwechselbare Art und Weise zu tun, besteht oft ihre Qualität. 

Verbinden und Trennen sind wesentliche Elemente auch der Kulturen. In und aus unterschiedlichen Kulturen können Konflikte erwachsen, aber auch viel Gemeinsames, weil eine gesamthafte Sicht der Dinge möglich wird – auch von Elementen, die auf das Erste nicht verträglich erscheinen. Hinsichtlich des Trennens habe ich etwa in den letzten 20 Jahren in Mittel-, Ost- und Südosteuropa viele Erfahrungen gemacht. Zunächst waren wir durch den Eisernen Vorhang in Europa getrennt. Das hat dazu geführt, dass es nicht nur eine ganz unterschiedliche politische, wirtschaftliche und soziale Entwicklung gab, sondern dass wir schlicht und einfach voneinander nichts mehr wussten. Das Trennen war mit Gewalt leicht möglich, das Verbindende herzustellen allerdings bedurfte einer gewissen Sorgsamkeit, die auch nicht immer an den Tag gelegt wurde. So wie ein Material, wenn es mit einem anderen verbunden wird, nicht dazu führen darf, dass es dominiert oder gar das andere zum Verschwinden bringt, so ist dies noch mehr zwischen Menschen und menschlichen Gemeinschaften der Fall. 

Leider gab es die Einstellung, dass bei einer Verbindung der eine Teil sich an den anderen völlig anpassen muss. Man hat verkannt, dass diese Teile Europas auch eine eigene Geschichte, eine eigene Mentalität und eigene Erfahrungen haben. Der Respekt vor dem anderen ist also eine entscheidende Voraussetzung. Noch komplexer war es etwa nach den Kriegen in Südosteuropa. Hier ist aus der Tiefe der Geschichte – Auseinandersetzung mit dem Osmanischen Reich, den Habsburgern und den Zaren – viel an Spannung übriggeblieben, wobei die buntscheckige Landkarte der Völker und Stämme natürlich auch zusätzliche Spannungselemente erzeugt hat. Wir haben von außen den Eindruck, dass etwa Jugoslawien alles verbunden hat, doch wer in die Tiefe der geschichtlichen Entwicklung gegangen ist, hat bald erkannt, dass die Unterschiedlichkeiten eine entscheidende Rolle spielen. Für das Verbindende ist Europa daher ein faszinierendes Element. 

Wir neigen heute dazu, Integration in die Europäische Union vor allem wirtschaftlich zu sehen. Gönnerhaft glauben wir, dass wir damit Privilegien verteilen und letztlich alles bezahlen müssen. Das Verbinden aber ist eine notwendige kulturelle, ja menschliche Aufgabe, denn es geht um das Gemeinsame, das in der Tiefe Europas verankert ist. Trennen wirklich die Erfahrungen der griechischen Philosophie, des römischen Rechtsdenkens, des christlich-jüdischen Religionsverständnisses der Aufklärung und der Moderne die Menschen? Oder ist es nicht in Wahrheit das Verbindende, das Gemeinsame, das letztlich in den Menschenrechten und in einer gemeinsamen Ethik eine Grundlage findet? Es ist von entscheidender Bedeutung, dass man erkennt, was im Innersten zusammenhält, wie es schon Geheimrat Goethe im Faust formuliert hat. Im Verbindenden ist das Tragfähige zu sehen, wobei die Unterschiede nicht geleugnet werden sollen, sondern es darauf ankommt, zu definieren, was in Wirklichkeit verbindet. Darin liegt die eminente Bedeutung von Kunst und Kultur, denn sie macht die Unterschiede sichtbar, aber auch die Notwendigkeit des Verbindenden. Insofern ist jedes Kunstwerk, das sich der Auseinandersetzung von „Trennen und Verbinden“ widmet, eigentlich eine zutiefst menschliche Dokumentation. 

Herbert Meusburger ist einer, der trennt und verbindet. Das Material des Steins, in dem er zuhause ist, ist eine Versuchung dazu. Natürlich kann man sich in der Harmonie einer Steinart bewegen, aber auch die Komposition der verschiedensten Steine in ihren Farben, ihren Kristallisationsformen und -ausbildungen ist eine Herausforderung für einen Künstler. Eine Herausforderung, der Herbert Meusburger virtuos begegnet. Darin muss eine Zeichenhaftigkeit gesehen werden, denn ein Zeichen zu setzen, ist das Talent eines Künstlers, erst recht, wenn er als Steinbildhauer tätig ist. So wird die Kunst des Trennens und Verbindens zu einer Parabel des menschlichen Lebens. Der Bildhauer kann nicht das gesamte Leben wiedergeben, er kann aber zur Auseinandersetzung provozieren. Herbert Meusburger setzt Zeichen, denen man begegnen muss und kann. Das Trennende und das Verbindende sind zentrale Elemente jeglicher Existenz, jeglichen Seins.

Dr. Erhard Busek